Kalikalon und eine Flasche Joghurt

Hallo liebe Freunde,

am Abend stehe ich hinter unserem Zelt am Bibiykone-See, putze mir die Zähne und schaue auf die Gipfel der 4000 und 5000er um uns herum (Adamtash, Mirali, Rudaki, Mariya etc.), der Blick schweift auf den von der Restsonne angestrahlten Himmel und den spiegelglatten See, in dem ich mir vor ein paar Minuten noch den Staub der kahlen und steinigen Berge abgewaschen habe. Ein paar unserer Esel stehen ein wenig entfernt von mir und erholen sich wie wir vom Tag. Es ist eine unglaubliche Stille. Und Einsamkeit. Und genau in diesem Moment weiß ich, warum ich solche Reisen mit all ihren Strapazen mache …

Heute geht’s weiter auf unserer Trekkingtour durchs Kulikalon-Tal, wo wir inmitten von etwas mehr Grün weiterhin umringt von den gigantischen 5000ern sind.

Ich dachte mir, heute könnte ich euch mal unsere Begleit-Crew genauer vorstellen. Sicher lernt ihr sie gerne etwas näher kennen:

Manucher, unser Bergführer

Isatullo, unser Eseltreiber

Abdurohid, unser Meisterkoch

Foteh, unser zweiter EseltreiberAbdu, unser Guide und Übersetzer, er ist unser „Mädchen für alles“

Unsere positive Einstellung nehmen wir ab jetzt aus Abdu’s tadschikischem Sprichwort, das er uns genauso gerne erzählt wie einen Witz von Frau Merkel, den ich mir an dieser Stelle aber spare. Das eigentlich erstaunliche daran ist, dass es in Tadschikistan überhaupt einen Witz über Angela Merkel gibt!

Nun zu Abdus Sprichwort: „Anfang gut, alles gut.“ Nun, der Anfang war gut, dann ist ja alles in Ordnung. Irgendwie kommt uns das Sprichwort doch irgendwie bekannt vor …?

Heute führt uns Manucher entlang der wunderschönen Seenlandschaft des Kulikalon-Tales mit seinen 14 Seen, die sich uns, natürlich nicht alle, aber einige, in ihren strahlenden Farben von hellblau bis aquamarin und dunkelgrün präsentieren. Wir genießen dieses breite, grüne Tal mit den saftig grünen Bäumen.

Wir überqueren mehr oder weniger reißende Gebirgsbäche (Manucher testet immer erst die Steine, über die wir springen müssen auf ihre Tragfähigkeit – leider nicht immer mit Erfolg … beaucoups des salutations à toi, Manucher ;-)…).

Überraschenderweise entdecken wir an einem der Bäume ein selbst geschriebenes Schild „Edic-Shop and Hotel“ – na, da sind wir gespannt und folgen dem Pfeil. Tatsächlich. Eine Familie hat mit einfachsten Mitteln einen Einkaufsladen und ein Hotel eingerichtet, hoffend auf viele Touristen in diesem Tal. Wir drücken die Daumen, viel Erfolg!

Hier: Küche, Hotel, Lage, Shop

Nach „läppischen“ 300 Höhenmetern Aufstieg zum Chukurak-Pass folgen sich ellenlang ziehende 800 Höhenmeter Abstieg zum gleichnamigen See.

Als wir von einem Plateau aus unsere Zelte tief unter uns bereits entdecken können, kommen ein paar Kinder auf uns zugelaufen, die zu einer Art Alm gehören, wie man sie im Fan-Gebirge öfters findet, wie uns Abdu erklärt. Die Familien leben über die Sommermonate mit ihren Tieren, meist Schafe und Ziegen, aber auch Kühe, im Gebirge und produzieren Käse und Joghurt. Fragt nicht, wie sie das mit der Hitze hinbekommen, wir haben es nicht verstanden. Jedenfalls klappt das prima und der frische Joghurt wird uns noch des Öfteren gerne angeboten. Und, inzwischen haben wir ihn mehrfach probiert, er schmeckt noch viel besser als der fertig gegorene, bzw. fermentierte Joghurt. Auch von den hier lebenden Bergbauern werden wir zu Joghurt und Brot eingeladen, aber da unser Tee ein paar hundert Meter „unter uns“ bereits wartet, müssen wir die Einladung leider ablehnen. Den Kindern schenken wir noch ein paar Gummibärchen und Luftballons und machen uns auf das letzte Stück des Weges.

Den See, dessen Wasser uns diesmal nicht ganz so eiskalt erscheint (vielleicht auch nur, weil wir einheimische junge Männer drin schwimmen sehen?), nutzen wir sehr gerne um uns kurz abzukühlen und den Staub mal wieder am ganzen Körper loszuwerden. Wir ziehen unsere Badesachen an und springen kurz hinein.

Da kommen die Kinder der Alm auf einem Esel und mit vielen Plastikflaschen, um an einer Quelle Wasser zu holen. Wir machen gemeinsam Blödsinn, Paul fotografiert was das Zeug hält und zeigt ihnen die Fotos, was ihnen sehr viel Spaß macht. Der Junge hilft seiner Schwester nicht, er bleibt auf seinem Esel sitzen, er ist ja nur für den Transport zuständig in der rigorosen Männergesellschaft dieser Länder. Sie jedoch, ein apartes Mädchen, füllt mühsam Flasche für Flasche an der Quelle. Wir geben ihr noch ein paar bunte Haarklämmerchen und die Jungs bekommen einen Kugelschreiber.

Wir hatten noch ein wenig aufzuräumen, ein paar T-Shirts im See zu waschen und dann ruhten wir im Zelt aus. Plötzlich kommen die Kinder noch einmal zu uns, hocken sich vor unseren Zelteingang und lächeln uns freundlich an. Das Mädchen überreicht uns eine Riesen-Flasche frischen Joghurt. Es war ein so unvergesslich rührender Moment – dieses extra noch einmal zu uns runter an den See zu kommen, um uns auch etwas zu schenken – dass wir ihn sicher nie mehr vergessen werden. Den Joghurt, den wir gleich unserem Küchenchef brachten, hat Abdurohid nicht nur pur zum Abendessen angeboten, sondern gleich noch als Vorspeise verarbeitet mit geschnipseltem Brot, Gurken, Tomaten, Mais und Zwiebeln. Einfach genial, unser Sternekoch!

Und wieder endet ein Tag voller einmaliger Eindrücke, Landschaften und Begegnungen. Apropos, sobald uns jemand auf dem Weg begegnet, bleiben unsere Guides stehen und wechseln ein paar Worte. Immer werden wir gefragt, woher wir kommen – und als Deutsche sind wir offensichtlich mehr als willkommen. Die Menschen freuen sich, dass wir uns für sie und ihr Land interessieren und ganz viele sagen entweder sofort ‚Germania’, ‚Angela Merkel‘ oder ‚Toni Kross‘ oder andere Fußballer-Namen. Wahrscheinlich ist auch jeder froh, ein paar Worte wechseln zu können, weil so wenig Menschen dort leben. Und die wenigen Touristen, die unseren Weg kreuzen fragen sowieso immer gleich, woher wir kommen, wohin wir gehen, wie lange wir unterwegs sind und, und, und. Manche erzählen auch sofort von sich, wie ein Pärchen, das wir im Kulikalon-Tal trafen. Dass sie in England leben, immer ein Jahr mit Gelegenheitsarbeiten möglichst viel Geld verdienen, sparen und dann wieder ein Jahr reisen. Wir wünschten uns gegenseitig „good luck and a good hike“ und gingen unserer Wege.

So viele neue Eindrücke, tolle Begegnungen und traumhaft schöne Landschaften, wir haben das Gefühl, schon vier Wochen unterwegs zu sein.

Es grüßen euch herzlich eure Weltenbummler

Barbara & Paul

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Kommentare zu Kalikalon und eine Flasche Joghurt

  1. Gabriela sagt:

    Es ist einfach wunderbar wie ihr die entlegensten Flecken erobert, die Menschen und ihre Umgebung zu würdigen wisst und uns so erlebnisreich davon berichtet. Vielen Dank für diese Wegbegleitung und natürlich ein trittsicheres Ankommen an den nächsten Etappenzielen !
    Gabriela, die sich weiterhin in den Schwitzkasten genommen fühlt, aber auch eine 800Jahr-Feier glücklich überstanden hat 😉

  2. Helmut Baur sagt:

    Wie heißt denn das tolle Hotel im Kulikalon-Tal? Ein Schild habe ich vergeblich gesucht. Wie viele Sterne hat es?
    Wieder ein bemerkenswerter Bericht – toller Text – tolle Bilder – aber tauschen möchte ich noch immer nicht!!!!
    Helmut

    • Lumulu sagt:

      Das Hotel heißt „Edic-Shop und Hotel“, einen oder gar mehr Sterne haben wir nicht gefunden, obwohl er das wohl in dieser Gegend verdient hätte. Ein Foto mit dem Schild existiert, das zeigen wir euch mal bei einem Gläschen Wein bei uns zu Hause.
      Lieben Gruß und schön, dass du uns „verfolgst“! Barbara und Paul

  3. Monika sagt:

    Gummibärchen, Luftballons, Haarklämmerchen und Kugelschreiber hätte ich jetzt nicht unbedingt auf meiner Packliste gehabt…

  4. Karola und Arno sagt:

    packender Bericht und wieder einmal mehr beeindruckende Bilder! Aber am meisten hat uns berührt, dass euch die Kinder auch etwas schenken wollten. Das sind die kleinen unvergesslichen Momente.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*